Ich liege ausgestreckt in meiner Koje.
Der Körper ist müde, aber der Kopf ist noch draußen auf See.

Die Wellen klatschen leise gegen die Bordwand. Ein dumpfes, rhythmisches Geräusch, das sich durch den Rumpf frisst. Das Boot schaukelt kaum merklich, hebt und senkt sich, als würde es selbst langsam zur Ruhe kommen wollen.
Eigentlich genau die Bewegung, die einen einschlafen lässt.

Eigentlich.

Der Tag hängt mir noch in den Knochen.
Im Magen.
Im Hals.

Am Morgen hatte alles so ruhig begonnen. Leckeres Frühstück im Cockpit. Jeder freut sich auf den heutigen Tag, verbunden mit ein wenig Aufregung. Kurze Blicke, routinierte Abläufe. Das Briefing war klar, wir haben das im Team durchgesprochen und noch gelacht, jeder wollte alles machen. Ich bin es Punkt für Punkt durchgegangen und habe die erforderlichen Aufgaben entsprechend verteilt. Keine Eile. Keine Nervosität.

Uwe – Heckleine lösen, draußen das Vorsegel.
Dieter – Großsegel.

Dagmar und Lydia müssen die Fender einholen und verstauen. Ich habe die Crew eingeschworen, dass die Abläufe jetzt sitzen müssen, wenn es draußen zur Sache geht. Segelsetzen ist so ein wichtiger Punkt, der sitzen muss.
Und immer wieder dieser eine Satz: Wenn ich Stopp sage, dann stoppst du und haust die Klampe zu, damit das Groß nicht ausrauscht.
Ein Handgriff. Die Winsch blockieren. Kein Ausrauschen.
Der Wetterbericht war eindeutig. Böiger Wind bis zu 20-25 kn. Zu viel Tuch kann gefährlich werden.

Als wir ausliefen, lagen wir noch im Schutz der Insel. Der Wind war da, aber gedämpft. Fast freundlich.
Diese Art von Wind, die einen glauben lässt, man habe alles im Griff.

Dann die Landzunge.
Und mit ihr die Böe.

Ich gebe das Kommando, laut, klar, gegen den Wind:
„Dieter – Klampe zu!“

Ich sehe ihn an.
Einen kurzen Moment zu lange.

Dann seine Stimme, fast fragend, fast ruhig:
„Was soll ich tun?“

Eine Sekunde.
Mehr braucht es nicht.

Das Großsegel rauscht aus, als hätte jemand einen Vorhang brutal aufgerissen.
Geballtes Tuch.
Der Wind greift zu.

Die nächste Böe trifft uns voll. Das Boot legt sich schlagartig auf die Seite. Keine Vorwarnung, kein sanftes Krängen. Alles spannt sich. Leinen, Muskeln, Nerven.

Ich steuerte das Schiff sofort in den Wind, so dass sich unsere Yacht wieder aufrichtete. Das Groß flatterte lautstark und musste sofort gerefft werden, damit sich das Segel durch das Schlagen im Wind nicht selbst zerlegt.

Uwe bewegt sich vorsichtig und umsichtig sofort zum Mast und kurbelte das Groß mit einer Handkurbel ein. Das Segel schlägt, flattert, schreit fast, bis es in der Rollanlage im Mast verschwindet. Er kurbelt, Meter für Meter, bis nur noch ein kleines Stück Stoff steht. Gerade genug, um nicht völlig ausgeliefert zu sein.

Später holen wir auch das Vorsegel ein. Laufen nur noch unter Motor.
Die Welle kommt quer.
Rauf. Runter. Rechts. Links.
Der Körper findet keinen Rhythmus mehr.

Die Crew wird still.
Der Geruch kommt zuerst, noch bevor ich richtig begreife, was passiert.

Dann trifft es mich.
Warm. Direkt ins Gesicht.

Ich wische mir mit dem Handrücken über Mund und Wange, spüre gleichzeitig eine Gischt, die mir Salzwasser ins Gesicht spritzt. In dem Augenblick erfischend, reinigend und einwenig brennend. Fast absurd tröstlich.

Lydia hebt den Kopf, bleich, völlig fertig.
Ihre Stimme ist kaum mehr als ein Hauch:
„Es tut mir leid.“

Mehr sagt sie nicht.
Mehr braucht es auch nicht.

Einer nach dem anderen gibt auf.
Nur Maxi nicht.
Und Dieter hält durch, obwohl ich innerlich noch immer bei dieser einen Sekunde hängen bleibe. Nicht aus Wut – sondern weil mir klar wird, wie wenig Spielraum es auf See gibt.

Ich sehe Pit achtern an Steuerbord. In dieser kleinen Sitzecke in der Reling.
Er hat sich festgekeilt, Arme um das Metall geschlungen, die Beine finden keinen Halt. Er schwebt fast.
Kaut auf seinem Kaugummi herum, als würde er sich daran festhalten.
Bei jeder Welle schließt er die Augen.

Vis ist in Sichtweite und Stunde um Stunde wird sie vor unseren Augen größer und größer. Die Erlösung in greifbarer Reichweite.

Dann, irgendwann, lässt der Druck nach.
Der Wind fällt ab. Die Wellen brechen sich an der Insel.
Wir gleiten in den Schutz der Bucht vor der Stadt Vis.

Der Anker fällt. Das Kommando klappt und der Anker greift.
Dieses dumpfe Geräusch ist wie ein Versprechen, wenn der Anker eingefahren wird und das Schiff aufstoppt.

Später, bei Spaghetti, Tomatensoße, viel Parmesan und einem Glas Rotwein, kehrt das Leben zurück. Farbe in den Gesichtern. Lachen. Kopfschütteln.
„Was für ein Ritt.“

Doch in mir bleibt etwas zurück.
Eine klare, unbequeme Erkenntnis.

Die Schwimmwesten lagen bereit. Ich hatte sie angepasst.
Aber ich habe kein Kommando gegeben.
Kein klares: Schwimmwesten anziehen. Jetzt.

Der Gedanke daran schnürt mir noch immer den Magen zu.

Maxi dreht sich im Schlaf zu mir. Ich rieche ihr Parfüm.
Dieser ruhige, vertraute Geruch.
Sie war da. Hat angepackt. Hat gehalten.

Es ist gut, eine starke Frau an seiner Seite zu haben. Ich drehte mich zu Ihr und küsste Ihre Stirn. Sie atmet gleichmäßig und tief.

Ich nehme den letzten Schluck Rotwein.
Die Augen werden schwer.
Der Wind draußen ist leise geworden.

Morgen ist ein neuer Tag.
Heute lasse ich ihn los.